Gehorsam

 

  

Gehorsam = ist die nicht frei-willige reaktive Antwort auf eine Forderung; die Bereitschaft, den Auftrag eines Anderen im Sinne dessen Erwartung unter Ausschaltung der eigenen Entscheidungshoheit in vollem Umfang zu erfüllen.

 

Wenn wir bei der Betrachtung des Begriffs Gehorsam nicht in scheinbare Widersprüche geraten wollen, müssen wir ihn uns von mindesten zwei Ebenen aus ansehen:

 

A - Soziale Ebene

B - Weise Ebene 

 

Streng genommen beschreibt der Begriff Gehorsam NUR den Teil einer „positiven“ Re-Aktion auf eine befehlsartige Anordnung, die wir NUR auf Grund dieser Anordnung tun, wenn also sonst keine Spur einer anderen Intention, wie Einsicht, Mitgefühl, o.a. mitwirkt, wenn sie also NUR wegen des Schattens von Unannehm-lichkeit bei Ungehorsam ausgeführt wird.

 

A - Auf der sozialen Ebene gilt: 

 

Freiwilligkeit und Gehorsam schließen sich aus.

 

Bis vor kurzem war der Gehorsam eine wichtige

moralische Komponente. Es wurde verlangt:

  • Gehorsam in der Familie

  • Gehorsam in der Schule

  • Gehorsam in der Kirche

  • Gehorsam im Betrieb

  • Gehorsam im Militär

  • Gehorsam in der Ehe

 

Ungehorsam wird sanktioniert !

 

Frage (an alle): Ist Gehorsam heute...

  • etwas Anachronistisches?

  • Oder... hat er seine Berechtigung?

  • Wenn ja, in welchem Bereich?

  • Und warum?

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

Frage: "Wie drückt sich Gehorsam aus?"

 

Wir...

  • tun blindlings, was uns aufgetragen wird.

  • übernehmen keine Verantwortung.

  • geben die Verantwortung für unser Tun in die Hände anderer Menschen.

  • verzichten auf intelligentes Handeln.

  • akzeptieren das Kleinkind-Niveau (2).

  • lassen uns auf reines Funktionieren abrichten.

 

Gehorsam 

ist selbst gewählter

Entschluß zur Unmündigkeit.

 

Mit der Bereitschaft zum Gehorsam geben wir uns mit "Intelligenz auf Mindestmaß" zufrieden. Und dennoch...

 

B - Auf der weisen Ebene gilt: 

 

Gehorsam & Ungehorsam  beide Aspekte sind Teil der Freiheit.

 

Ob wir uns dieser/unserer Freiheit

bewußt sind, ist eine andere Sache.

 

 

Strafe

Autorität

Anpassung

Milgram-Experiment

 

 

 

 

Gehorsam als Rechtfertigung

A

 

Zitat aus einem Bericht: „Niemand hat das Recht, sein Gehorchen als Vorwand für die Rechtfertigung seines Handelns zu benutzen. Gehorchen ist keine Rechtfertigung für Handeln.“

 

Natürlich kann niemals wirklich ein Befehl für die Rechtfertigung von Handeln herhalten. Genau das war der Grund meiner damaligen Weigerung, eine grüne Uniform anzuziehen. Die folgenden Umstände mußten in Kauf genommen werden.

 

Aber... zu wissen, daß mir niemand anderes und zwar niemals die Verantwortung für mein Handeln abnehmen kann – ganz egal, mit welcher Begründung – setzt einen gewissen Grad an Reife voraus.

 

Diese Reife kann ich nicht generell voraussetzen: Jemand anderes meldet sich eigens freiwillig an, um andere Erfahrungen zu machen.

 

Das Pärchen „Befehl & Gehorsam“ gehört zu einer Ordnungs-Struktur, die auf einer Hierarchie von Anordnungen beruht, welche Ungehorsam ausschließt, bzw. auf einer Skala von sanfter Mahnung bis Todesandrohung sanktioniert.

 

Von jemandem, der sich freiwillig in ein solches Gefüge begibt, ist (besonders unter Berücksichtigung der Konsequenzen) nicht zu erwarten, daß Ungehorsam auf seinem Tageszettel steht. Das gilt erst recht für jemanden, der sich unfreiwillig in einer solchen Struk-tur befindet.

 

Zu diesen Ordnungsstrukturen zählt im Kleinen (wenn auch nicht überall) die Familie, früher auch die Schule (ist mir noch bekannt), die Internate, Gangs, das Militär jeden Landes und andere ähnlich (z.B. mafiös) strukturierte Gruppen. 

 

Hannah Arendt sagt: "Niemand hat das Recht zu gehorchen."  

 

Das ist natürlich Quatsch. Denn dann könnte Hannah auch fordern: „Niemand darf eine beschlossene Ordnung anerkennen.“ Niemand würde mehr bei ROT halten und wir hätten Chaos - allein schon auf den Straßen.

 

Wir Menschen sind frei, uns in verschiedene Strukturen zu fügen und ebenso frei, uns gelegentlich (wenn nötig) zu weigern, weiter-hin Folge zu leisten – unter Inkaufnahme der Konsequenzen.

 

Und zu wissen, wann es ansteht, zu verweigern...,

hängt ab vom jeweiligen Stand der Geistigen Reife:

 

Ein Sohn gehorcht seinem Vater bis zu einem Point of no return. Von diesem Moment an gestaltet sich etwas Neues und die alte Struktur ist unwiederbringlich dahin. Der Gehorsam ist gestorben, aber gleichzeitig ist die Verantwortungsübernahme geboren.

 

Hier müssen die Whistleblower genannt werden: Sie unterstützen die jeweilige Ordnung bis zu einem gewissen Punkt, aber dann...

 

 

 

 

Preußische Tugenden

A

 

Persönliches vorweg

 

In meiner Kindheit habe ich gehorcht – aus Angst vor psychologischer und körperlicher Repression, vor allem vor Schlägen. In der damaligen Zeit war es mir nicht möglich, eine Alternative zum Gehorsam sehen zu können. Mein Vater war seinem Vater gegenüber aus den selben Gründen gehorsam. Zudem war er (im Krieg) auch noch den militärischen Weisungen gegenüber gehorsam. Und damit war er wie Millionen andere, gehorsam gegenüber dem Staat.

 

Zum Zeitpunkt „meiner Musterung“ hätte ich mich noch brav der militärischen Ordnung gefügt. Erst zum Zeitpunkt der ein paar Jahre später folgenden „Einberufung“ war ich dann ein bißchen reifer geworden. Folglich dann die (Ver-)Weigerung (Ungehorsam).

 

Um den Gehorsam (incl. der Konsequenzen) verweigern zu können, ist ein alternativer Werte-Kanon plus Mut die Voraussetzung. Der den Gehorsam Verweigernde muß seine (neuen) Werte als höher oder bedeutender, auf jeden Fall als wichtiger ansehen, als die vorgegebenen.

 

Im Fall Adolf Eichmann spielt noch etwas anderes eine große Rolle: Er war mit dem Werte-Kanon seiner damaligen Umgebung weitestgehend in Übereinstimmung. Auf Grund dieser (damaligen) offiziellen Werte galt er an seinem Arbeits-Platz als ein „guter Mann“. So wie mein Vater (wenn auch kratzbürstiger) zur selben Zeit, im selben ideologischen System, an seinem Platz. Trotz seiner Kritik am politischen System, er „hätte niemals die Hacken zur Front gedreht“, hielt er mir damals entgegen. Ganz auf Linie der alten Preußischen Tugenden:

 

,,Der Grund der Pflicht eines Volkes, einen, selbst den für unerträglich ausgegebenen Mißbrauch der obersten Gewalt dennoch zu ertragen, liegt darin: daß sein Widerstand wider die höchste Gesetzgebung selbst niemals anders, als gesetzwidrig, ja als die ganze gesetzliche Verfassung zernichtend gedacht werden muß. Denn, um zu demselben befugt zu sein, müßte ein öffentliches Gesetz vorhanden sein, welches diesen Widerstand des Vokes erlaubte, d.i. die oberste Gesetzgebung enthielte eine Bestimmung in sich, nicht die oberste zu sein, und das Volk, als Untertan, in einem und demselben Urteile zum Souverän über den zu machen, dem es untertänig ist, welches sich widerspricht … Eine Veränderung der fehlerhaften Staatsverfassung, die wohl bisweilen nötig sein mag kann also nur vom Souverän selbst durch Reform, nicht aber vom Volk, mithin durch Revolution verrichtet werden.''

– Immanuel Kant

 

Mit dieser Einstellung zu Pflicht, TreueGehorsam war mein Vater nicht alleine. Nahezu das gesamte Militär (bestehend aus sehr vielen einzelnen gehorsamen Männern) war damit in Übereinstim-mung und hat entsprechend viel Tod und Leid verursacht. Das Töten von Menschen war für die meisten von ihnen an der Tages-ordnung – also keinesfalls etwas Außergewöhnliches.

 

Wir können von Adolf Eichmann nicht mehr erwarten, als ihm möglich war. Er funktionierte gerade aufgrund seiner bescheiden ausgeprägten Reife so „tadellos“ und „wie geschmiert“ auf der Bahn von Treue, Pflicht & Gehorsam. Sein nicht vorhandenes Unrechts-bewußtsein ist also durchaus einleuchtend. Eine niedrige Reife und die Abwesenheit von Mitgefühl können wir ihm nicht vorwerfen:  

 

Wir können niemandem vorwerfen, etwas nicht

genutzt zu haben, was gar nicht vorhanden ist.

 

In Argentinien hätte der Bürokrat Eichmann (außer vielleicht einem Huhn) niemandem etwas zu Leide getan: Andere Zeit, anderer Ort, anderer Werte-Kodex.

 

Der Herr Kant ist mit seinem Imperativ ebenfalls zu streng: Er setzt einen hohen Grad an Geistiger Reife voraus. Und das ist nicht seriös :-) weil er mit seiner kategorischen Forderung ebenfalls die Gegebenheiten nicht berücksichtigt. Er sagt:

 

Handle nur nach derjenigen Maxime,

durch die du zugleich wollen kannst,

daß sie ein allgemeines Gesetz werde!

 

Immanuel Kant 

 

Möglicherweise hatte er diesen Satz (vor lauter Begeisterung?) vom alten Konfuzius abgeschrieben? Der sagte seinerzeit:

 

Der EDLE bewegt sich stets so, daß sein Auftreten zu jeder Zeit als allgemeines Beispiel gelten kann. Er benimmt sich so, daß sein Verhalten jederzeit als allgemeines Gesetz dienen kann. Und er spricht so, daß sein Wort zu jeder Zeit als allgemeine Norm gelten kann.“

– Konfuzius

 

Im Unterschied zu Kant unterscheidet Konfuzius zwischen den EDLEN und den GEMEINEN. Seine Erwartung richtet sich realisti-scherweise an die kleinere der beiden Gruppen und nicht an alle.

 

Die VORBILDHAFTIGKEIT kann nur von den Wenigen gefordert und erwartet werden. Sie haben die Kapazität, das Notwendige und Richtige aus sich selbst heraus zu erkennen. Die große Masse braucht die von außen aufoktroyierten Gesetze.

 

 

Der edle Geist

 

 

  

 

Recht auf Gehorsam ?

A

  

Einwand: Hannah Arendt spricht Eichmann das Recht auf Gehorchen ab.“

 

Der Gehorsam bietet keine Möglichkeit oder gar Freiheit der Wahl. Gehorsam ist kein Recht, sondern Pflicht. Sobald Entscheidungs-freiheit möglich wird, ist Gehorsam sofort obsolet, hinfällig, nicht mehr existent. Im NS-System spielte der Gehorsam eine entschei-dende (!) Rolle.

 

Einwand: „Ich gehorche der Pflicht.“

 

Die von außen gesetzte Pflicht & Gehorsam sind eine auf Unfreiheit beruhende Zwangs-Gemeinschaft. Die als aufgrund innerer Ein-sicht empfundene Pflicht und die daraus folgende Entscheidung zu eigen-verantwortlichem Handeln, gehören ebenfalls zusammen.

 

Diese beiden Arten von „Pflicht“ haben nichts gemeinsam: Die eine lebt im Zwang, die andere in Freiheit.

 

Einwand: „Da habe ich ja durchaus das Recht zu gehorchen“

 

Das ist kein Gehorsam, das ist (wenn auch mißmutige) Freiwillig-keit! 😊

 

Einwand: „Schließlich sind mir die Werte, denen ich mich verpflichtet fühle, sehr wichtig.“

 

Wenn wir noch etwas weiter differenzieren, weil wir noch etwas genauer hinsehen, kann es sein, daß wir auch in dieser „inneren Pflicht“ eine Unfreiheit entdecken. Nämlich, wenn die Entschei-dung FÜR die Pflicht aus der Konditionierung heraus gefällt wird und uns die tatsächliche Möglichkeit, auch anders entscheiden zu können, nicht bewußt ist. Das wäre dann die innere Unfreiheit. Die gibt es auch noch.

 

Einwand: „Wann habe ich also das Recht zu gehorchen und wann nicht?“

 

Gehorsam und Recht (auf Entscheidungsfreiheit) gehen per se nicht zusammen.

 

Einwand: „Gehorchen selbst ist kein ethischer Wert.“

 

Widerspruch: Gehorsam & Sanktion sind ein wichtiges Paar der jeweiligen Moral.

 

Wenn ein Kind nicht gehorcht, wird es nur beschimpft oder ge-schlagen. Wenn ein Soldat im Feld nicht gehorcht, wird er womög-lich erschossen. Es gibt Länder, in denen ein (für uns vergleichswei-se harmlos erscheinender) moralischer Ungehorsam Enthauptung (Mann) und Steinigung (Frau) zur Folge hat. Die Katholiken ken-nen den etwas milder daherkommenden Beichtspiegel.

 

Einwand: „Das blinde Gehorchen, das mich meiner Verantwortung ent-ledigen soll – so wie Eichmann argumentierte – unterscheide ich von „Anerkennen“ einer Ordnung.“

 

Meinen Versuch, einen blitzenden Polizisten argumentativ und mit eini-gen Belegen in seinem routinemäßigen Vorhaben mal kurz innehalten zu lassen, beantwortete er so: „Uns interessieren nur Zahlen.“

 

Ob ein Element der Ordnung gemeinwohl-dienlich ist oder schika-nös, ist ihr wurscht: Die Ordnung verlangt absoluten Gehorsam.

 

Einwand: „Beim Anerkennen habe ich vorher nachgedacht und bin zu dem Entschluss gekommen, diese Ordnung ... für sinnvoll zu halten. Dann respektiere ich sie und halte sie ein und verteidige sie gegen Angriffe. Das tu ich dann aus Überzeugung, aber nicht um vor einer Verantwortug zu fliehen.“

 

Dann werden dir die Whistleblower gefallen: Sie unterstützen die jeweilige Ordnung bis zu einem gewissen Punkt... Dann wechselt die von außen erwartete Verantwortlichkeit aufgrund einer Einsicht zur inneren Verantwortungsbereitschaft: Die Loyalität, die sie von der Ordnung abziehen, gilt nun dem Gemeinwohl.

 

Einwand: Dass Arendt nicht zwischen diesen beiden Bedeutungen un-terscheidet, ist verwirrend.

 

Das liegt daran, daß ihr die Referenz der Geistigen Reife, also der „Vertikalen“ nicht gegenwärtig war: Von jedem „erwachsenen“ Menschen den selben Grad an Geistiger Reife zu erwarten (siehe Zitat des Konfuzius), ist mindestens... naiv.

 

Einwand: „Die Provokation des Zitates...“

 

Provokation = Hervorlocken

 

...auch dieses Gespräch. Herzlichen Gruß*

 

 

 

 

Part der Freiheit

 

 

Zu Ebene B

 

"Niemand hat das Recht zu gehorchen."  

– Hannah Arendt 

 

Es klingt vielleicht ein bißchen paradox, aber – und damit Wider-spruch zum Satz der Frau Arendt:

 

Gehorchen zu dürfen, ist

ein Teil unserer Freiheit.

 

Die Freiheit ist das Größere: Sie schließt die Möglichkeit einer Ordnung, in der selbst das Modul „Befehl/Gehorsam“ eine zentrale Rolle spielt, mit ein.

 

Wer bewußt ist weiß, daß ein

Befehl zunächst irrelevant ist.

 

Ein Befehl... tritt erst und nur dann „in Funktion“, generiert erst dann eine entsprechende Re-Aktion, wenn es jemanden gibt, der ihm Folge leistet, der „gehorcht“. Wenn also jemand etwas befiehlt, aber niemand in der betreffenden Gruppe positiv darauf reagiert (gehorcht), ist das Konstrukt (für diese Gruppe) zerstört.

 

Für diese Befehl/Gehorsam-Struktur ist nicht viel an Intelligenz und Reife erforderlich. Die Struktur ist eine sehr primitive, sie setzt auf Dummheit und Kleinkind-Reife (2), nicht auf Intelligenz.

 

Im Gegenteil: Intelligenz und

Reife zerstören diese Struktur.

 

Die Übernahme von Verantwortung (4) für das gehorsame oder ungehorsame Verhalten, setzt dann schon einen höheren Grad an Geistiger Reife voraus.

 

Der Ungehorsam ist

Teil unserer Freiheit.

 

 

Geistige Reife

Suche nach dem Bösen  (H. Arendt)