Unterscheidung

 

 

"Daß nämlich die Sprache des Paradieses vollkommen erkennend gewesen sei, vermag auch das Dasein des Baumes der Erkenntnis nicht zu verhehlen. Seine Äpfel sollten die Erkenntnis verleihen, was gut und böse sei."  

 – Walter Benjamin

  

Die Unterteilung in gut & böse ist nicht eine Sache der Erkenntnis, sondern eine der Unterscheidung und eine der Bewertung, des moralischen Urteils.

 

Wir können aber nicht aufgrund einer Erkenntnis bestraft werden, denn diese liegt außerhalb des Bereichs unseres Willens: Niemand vermag den Zeitpunkt einer Erkenntnis zu benennen – oder gar zu bestimmen – und niemand war und ist in der Lage, eine Erkenntnis zu erschaffen.

 

Wenn also die entsprechende Bibelstelle nicht lediglich eine soziale, sondern eine spirituelle Metapher sein sollte, müssen wir den Begriff „Erkenntnis“ gegen den der „Unterscheidung“ austau-schen, denn Tatsache ist:

 

Solange wir 

Unterscheidungen treffen, 

sind wir nicht im Paradies (angekommen).

 

So wie – umgekehrt – das sich entwickelnde Menschenkind im Zuge des Entstehens von Ego und Unterscheidungsvermögen aus dem selben vertrieben wird, denn mit der Entwicklung des kognitiven Verstandes entstehen nun durch diesen... die ersten „Probleme“.

 

Paradies = ist hier verstanden als biblische Metapher für den spirituellen "Zustand Samadhi“ oder für eine außerkörperliche, also „jenseitige Erfahrung", jedoch nicht als  soziale Einrichtung ;-)

 

 

Erkenntnis

 

Verstand

 

Paradies

 

Moral

 

 

 

 

Wertung

 

 

Jenseits von richtig und  falsch...

liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.

 

Rumi

 

Bewertungen wie richtig und falsch haben Sinn und Berechtigung in der Sozietät, besonders in dem logischen Konstrukt namens Mathematik – in ihm ist Eindeutigkeit im Ergebnis gefragt.

  

Entweder, oder! 

Tertium non datur, 

ein Drittes gibt es nicht.

 

Ab einer gewissen Reife, nämlich im Alter der Weisheit (6), spätestens aber im Alter der Mystik (7), verschwinden die Urteile, lösen sich die Wertungen wieder auf.

 

Im Baby-Alter (1) kannten wir nur diesen einen Ort – an dem es kein Urteil gibt, wir kannten nur das Advaita, das Einssein. Also kennen wir alle diesen Ort, haben bloß durch die Entwicklung des Verstandes den Kontakt zu ihm verloren.

 

Wenn wir es intelligent angehen, werden wir uns mit Urteilen zurückhalten, werden wir bereits im Erwachsenen-Alter (4) sehen können, daß in der Trennung durch richtig & falsch keine Wahrheit liegt, daß sie allenfalls temporär nützlich sein kann.

 

 

Logik

 

Advaita

 

Reife-Grade

 

Derwische - Bildquelle: http://little-zensations.tumblr.com/archive
Derwische - Bildquelle: http://little-zensations.tumblr.com/archive

 

 

 

Urteil

z 

 

Ein Mann besaß ein wunderschönes Pferd, das so exquisit war, dass selbst Könige es ihm abkaufen wollten - zu jedem Preis. Er lehnte es jedoch ab. Eines Morgens stellte er fest, daß das Pferd gestohlen worden war.

Alle Leute vom Dorf versammelten sich, um ihr Mitleid auszudrücken. Sie sagten: „Was für ein Unglück! Du hättest ein Vermögen damit verdienen können; man hat dir so viel dafür geboten! Aber du warst ja so dickköpfig und dumm. Jetzt ist das Pferd gestohlen.“ 

Der alte Mann lachte und sagte: „Redet keinen Unsinn. Alles was man sagen kann ist, daß das Pferd nicht mehr im Stall ist. Laßt die Zukunft kommen. Dann wird man sehen, was ist.“

Und nach fünfzehn Tagen kehrte das Pferd plötzlich zurück, und nicht nur das: Es brachte ein Dutzend wilder Pferde aus dem Wald mit.

Das ganze Dorf versammelte sich. Sie sagten: „Der alte Mann hatte Recht. Sein Pferd ist zurückgekommen und hat auch noch zwölf gute Pferde mitgebracht. Jetzt kann er so viel Geld verdienen, wie er will.“

Sie gingen zu dem alten Mann hin und sagten: „Es tut uns Leid. Wir konnten die Zukunft nicht sehen und die Wege Gottes nicht verstehen. Aber du bist großartig! Du hast es wohl geahnt; du hast die Zukunft vorausgesehen.“ 

Unsinn!“ sagte er. „Ich weiß nur eines, nämlich daß das Pferd mit zwölf Pferden zurückgekommen ist. Was morgen geschehen wird, weiß niemand.“

Und schon am nächsten Tag geschah es, daß der einzige Sohn des alten Mannes, der eines der neuen Pferde zureiten wollte, vom Pferd fiel und sich die Beine brach.

Wieder versammelten sich alle und sagten: „Man weiß nie… Du hat-test Recht! Es hat sich als ein Fluch erwiesen. Es wäre besser gewesen, wenn das Pferd gar nicht zurückgekommen wäre. Nun wird dein Sohn sein Leben lang verkrüppelt sein.“ 

Er sagte: „Greift nicht vor! Wartet ab und man wird sehen, was geschieht. Man kann nur eines sagen, nämlich daß sich mein Sohn die Beine gebrochen hat. Das ist alles.“ 

Fünfzehn Tage später ergab es sich, daß alle jungen Männer des Dorfes von der Regierung zwangsweise eingezogen wurden, da das Land in den Krieg zog. Nur der Sohn des alten Mannes blieb da, weil er untauglich war. 

Wieder versammelten sich alle und sagten: „Unsere Söhne sind fort. Du hast wenigstens noch deinen Sohn. Er mag zwar verkrüppelt sein, aber wenigstens ist er hier. Unsere Söhne sind fort, und der Feind ist viel mächtiger - sie werden bestimmt umkommen. Jetzt werden wir im Alter niemanden haben, der sich um uns kümmert, aber du hast wenigstens deinen Sohn. Vielleicht wird er ja sogar wieder gesund.“  

Der alte Mann sagte jedoch nur: „Man kann nur eines sagen: Eure Söhne wurden eingezogen. Mein Sohn ist hier geblieben. Daraus folgt aber nichts.“

Osho

 

In allem ist Vollkommenheit

 

Der Wert des Menschen 

 

Glück & Unglück

 

 

 

Ein Mensch schaut in der Zeit zurück

Und sieht: Sein Unglück war sein Glück.

 

Eugen Roth

 

 

 

 

Urteil / Unterscheidung

z

  

Ich lebe schon so lange auf dieser Welt, dass ich Dinge, deren ich mir auf den ersten Blick absolut sicher zu sein glaubte, beim zweiten Hinse-hen noch einmal sorgfältig prüfe.“

 Josh Billings

  

Jedes Urteil, das wir uns bilden, ist ein an uns selbst ausgestelltes Armutszeugnis. Mit einem Urteil binden wir die Intelligenz in Fesseln. Wir sind nicht mehr frei.

 

Einwand: "Das Denken und Empfinden aufzugeben führt zur Bewegungs-losigkeit, der Ablehnung des Wandelns, zu festgefahrenen Ansichten, kurz zum Vorurteil."

 

Wer, bitte, will denn „das Denken und Empfinden aufgeben“?

 

Einwand: "führt ... zu festgefahrenen Ansichten, kurz zum Vorurteil." 

 

Schon ein Mann der Wahrheit oder der Weisheit, erst recht ein spirituell ausgerichteter Mensch wird sich nicht mehr an „festgefah-rene Ansichten“ klammern und sich selbstverständlich auch keine Vorurteile zimmern. Das macht man nur bis zur intellektuellen Ebene, so lange man glaubt, Halt zu brauchen, solange noch Sorge aufkommt, daß die Intelligenz, sich die Dinge im nächsten Moment ganz neu ansehen zu können, vielleicht nicht ausreichen könnte.

 

Einwand: "Es ist der "doppelte Weg" Zhuang Zi´s den Josh Billings hier vorschlägt."

 

Wir haben ein Problem, wenn wir alles von einer einzigen Ebene aus betrachten wollen. Im sozialen und materiellen Umfeld ist es vielleicht nicht nötig, Urteile zu fällen, auf jeden Fall macht es Sinn, Unterscheidungen zu treffen.

 

Jenseits des Materiellen und Sozialen gibt es für uns dann noch die geistigen Ebenen und darüber hinaus auch noch die geistlichen oder spirituellen. Wenn wir es mit einem Text von einer höheren Ebene zu tun haben, müssen wir uns schon auf die selbe bequemen, wenn wir ihren Sinn begreifen, bzw. mit ihm in Resonanz gehen wollen. Der Intellekt versteht ihn nun mal nicht, der ist zu klein (oder zu eng), als daß er ihn erfassen könnte.

 

A - Ein spiritueller Text kann nur in der selben Frequenz erkannt werden. B - Ein weiser Text kann nur im Zustand der Weisheit verstanden werden. C - Umgekehrt ebenso: Im meditativen Zustand kannst du keine Gebrauchsanweisung kapieren, nicht einmal eine Zeitung lesen. Dazu müssen wir erst auf einen entsprechend niedri-geren Level herunter steigen. 

 

Das Buch vom Hans Peter Hoffmann: „Die Welt als Wendung...“ kann ich nicht empfehlen. Wer „Das wahre Buch vom südlichen Blüten-land“ mit dem Verstand angehen will, kann es auch gleich durch den Fleischwolf drehen. J Es geht dem Intellekt über den Horizont.

 

Es gibt Texte, die müssen und können nur auf direktem Wege ver-standen werden, da nützen uns keine Umwege über die Interpre-tationen anderer Leute, die damit versuchen, die Inhalte auf die bescheidenen Kapazitäten des Verstandes herunter zu brechen. Ein leerer Kopf und ein stilles Gemüt... sind hier wesentlich nützlicher.

 

 

Deshalb wandelt der Weise, wo Dinge nicht erhalten werden, nicht verloren gehen und alles aufgehoben ist. 

Zhuang Zi

  

Unterscheidungen